Mein Job als Rechtsanwalts­fachangestellte

Mein Job als Rechtsanwalts­fachangestellte

Wie Sie z. B. bei XING schon gelesen haben, bin ich gelernte Rechtsanwaltsfachangestellte. Und das mittlerweile schon seit dem Jahr 2000. Eine unendlich lange Zeit, in der ich viele Jahre Berufserfahrung gesammelt habe, wobei ich nicht durchgehend in diesem Beruf tätig war. Nach Abschluss der Ausbildung, war ich mit meinen 19 Jahren zu jung und zu unerfahren. Dies hat man mir auf meine Bewerbungen stets zurück gemeldet. Heute ist das anders. Man reißt sich regelrecht um Rechtsanwaltsfachangestellte und bekommt auch direkt nach der Berufsausbildung einen netten Vertrag (sogar unbefristet – wow). Und das, obwohl ich eine herausragende Ausbildungszeit genießen durfte, man mir wirklich alles beigebracht hat und ich dieses Wissen auch schon während der Ausbildungszeit umgesetzt habe. Ich hatte wirklich unglaubliches Glück mit meiner Ausbildungsstelle.

Ich weiß noch, wie schwer es damals manche Mitschülerinnen mit ihren Ausbildern hatten. Es gab cholerische Chefs, angeschrien und herabgesetzt zu werden war an der Tagesordnung. Von einer Auszubildenden weiß ich noch ganz genau, dass sie in der Kanzlei überhaupt nichts gelernt hat. All ihr wissen ist Schulwissen gewesen (sie hat trotz der Umstände als Jahrgangsbeste abgeschlossen). In der Kanzlei war es ihre Aufgabe gewesen das Geschirr in einem Miniwaschbecken im Bad abzuwaschen, die Kanzleiräume zu putzen, das Altpapier weg zu bringen und ganz besonders Einkäufe zu erledigen (Botengänge nannte man das). Klingt ja nun erstmal nicht so dramatisch. Doch was hat so ein Botengang denn unter anderem zu bedeuten gehabt? Tatsächlich gehört es ja dazu, dass die Postfächer im Amts- und Landgericht sowie bei der Post geleert wurden und täglich Kontoauszüge geholt werden mussten (Onlinebanking gab es noch nicht). Es gab (schon damals anno 1998) ein suuuper Sonderangebot von ALDI. Bügelfreie Hemden mit passendem Schlips. So mussten alle 4 Filialen zu Fuß oder mit dem Bus erreicht werden um zu schauen, dass der Chef auch ja die richtige Schlipsfarbe bekommt. Für das Sonderangebot an Toilettenpapier musste sie mehrere Stationen Bus fahren.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, aber hat eine Auszubildende nicht auch das Recht auf Wissen? Man hat der jungen Frau überhaupt nichts gezeigt oder erklärt. Dementsprechend hat sie später auch nie wieder beim Anwalt arbeiten wollen. Die Erfahrungen waren einfach zu schlecht gewesen. Was man ihr auch nicht verdenken kann. Sie war ja selbst erst 16. Welches Selbstbewusstsein hat man in dem Alter um zu sagen: „Ich höre hier auf und wechsel oder mache was ganz anderes.“? Derlei Erfahrungen sind definitiv nicht schön gewesen und leider auch kein Einzelfall. Eine Ausbildung kann hervorragend klappen, wie in meinem persönlichen Beispiel. So hervorragend, dass ich noch während meiner Ausbildungszeit die Vertretung der Bürovorsteherin übernehmen konnte, wenn diese krank oder im Urlaub war.

Wenn wir uns nun auch noch anschauen, dass es erst seit einigen Jahren den Mindestlohn gibt und es etliche Kolleginnen gibt, die erst seit Einführung des Mindestlohns ein Gehalt erhalten von dem sie leben können, ist es kein Wunder, dass der Branche die Mitarbeiter davonlaufen.

Worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen einer Rechtsanwaltsfachangestellten und einer Rechtsanwaltsgehilfin und wieso fehlt in meiner Berufsbezeichnung das Notariat?

Das Notariat fehlt, weil ich den entsprechenden Ausbildungsteil nicht gemacht habe. Mein Ausbilder war ein reiner Rechtsanwalt, für die Notariatsausbildung hätte es eines längeren Praktikums in einer Notariatskanzlei bedarft, jedoch ist dies im kleinen Hildesheim von keiner Kanzlei gewünscht gewesen. Es hätte mir durchaus größere Jobchancen ermöglicht, aber – Ich darf ehrlich zu Ihnen sein? – als ich mit 16 die Ausbildung angefangen habe, hatte ich den Verstand überhaupt nicht die Tragweite abzusehen. Also bin ich „nur“ eine Rechtsanwaltsfachangestellte. Jedoch abgesehen von Jobchancen habe ich das fehlende Notariat bislang nie vermisst.

Der Begriff der Rechtsanwaltsgehilfin existiert schon seit dem letzten Jahrhundert nicht mehr. Das ist nun viele, viele Jahre her und doch ist er noch immer in den Köpfen der Menschen UND auch bei den älteren Anwälten verankert. Viele meiner Berufskolleginnen – ich eingeschlossen – wehren sich gegen diese Berufsbezeichnung. Sie wurde seinerzeit geändert, weil es einerseits nicht mehr zeitgemäß ist und andererseits auch überhaupt nicht anerkennt, welch qualifizierte Arbeit wir leisten. Wenn wir in andere Berufssparten schauen, dann ist aus der Sprechstundenhilfe auch die Medizinische Fachangestellte geworden und aus der Kindergärtnerin die Erzieherin. Wandel ist Fortschritt!

Was macht nun aber eine Rechtsanwaltsfachangestellte den lieben langen Tag? Gleich vorweg! Wir haben weder Zeit zum Fingernägel lackieren, noch dazu beim Chef auf dem Schoß zu sitzen. Nette Story für so manches Filmchen, aber unglaublich realitätsfern.

Kernaufgaben:

– Überwachen von Terminen und Fristen
– Führen des Schriftverkehrs (selbstständig sowie auch nach Diktat)
– Planung von Geschäftsreisen
– Empfang von Mandanten
– Bedienung der Telefonzentrale (Anrufe entgegen nehmen, Mitteilungen aufnehmen, Termine vereinbaren etc.)
– gerichtliches Mahnwesen (Mahn- und Vollstreckungsbescheid beantragen, Durchführung der Zwangsvollstreckung)
– Büroorganisation
– Verwalten des Büromaterials
– allgemeine administrative Tätigkeiten
– Abrechnung nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz
– wir helfen auch den Mandanten dabei Formulare auszufüllen und ihre Anlagen zu sortieren

Welche Kompetenzen bringt eine Rechtsanwaltsfachangestellte mit:

– Organisationsgeschick
– Ausdrucksfähigkeit
– Verantwortungsbewusstsein
– Sorgfalt
– Stressresistenz
– Verbindlichkeit
– Eigenständiges Arbeiten
– Verschwiegenheit
– Flexibilität
– Kundenorientierung

Na? haben Sie nun ein ganz anderes Bild vom Beruf der Rechtsanwaltsfachangestellten erhalten als gedacht? Wir können deutlich mehr als nur tippen 😉