Dem säumigen Kunden die Ohren lang ziehen

Dem säumigen Kunden die Ohren lang ziehen

.. das würden wir wohl alle gerne tun, denn immerhin haben wir eine hervorragende Arbeit geleistet. Unsere Lebenszeit in dieses Projekt investiert. Vergessen wir nicht auch die Servicezeit und die damit zusammenhängenden administrativen Tätigkeiten, die vom Kunden völlig unbemerkt im Hintergrund ablaufen. Sieht er doch nur das Ergebnis unserer Arbeit. Selbstverständlich ziehen wir ihm nicht die Ohren lang, denn es gibt andere – klügere Wege als sich strafbar zu machen.

Ich beschreibe Ihnen meinen persönlichen Weg, den Weg, den ich über viele Jahre hinweg als Rechtsanwaltsfachangestellte gegangen bin um dem Mandanten sein Geld einzutreiben. Daher auch direkt mein Hinweis: Dieser Blogbeitrag stellt keines Falls eine Rechtsberatung dar, dafür gibt es Rechtsanwälte (m/w/d). Ich spreche hier rein über meine Erfahrungen und berichte aus meinem Alltag.
War Ihnen eigentlich bewusst, dass der Anwalt zwar die Gebühren abrechnet und seine Unterschrift unter Anträge und Schriftstücke setzt (sonst könnte er keine Gebühren verlangen), aber die Rechtsanwaltsfachangestellte die eigentliche Arbeit erledigt? Nein? Wie gut, dass wir mal darüber gesprochen haben 😉

Offene Rechnung

Wenn ich eine zur Zahlung offene Rechnung auf den Tisch bekommen habe, dann war mein erster Schritt die Recherchearbeit. Ich habe mit unserem Mandanten Kontakt aufgenommen und ihn befragt was er über den Schuldner weiß. Jede noch so kleine Angabe wird im späteren Zwangsvollstreckungsverfahren wichtig sein (können).
Solange der Auftrag geplant und ausgeführt wird, sind die Leute geschwätzig. Um ein paar Beispiele zu nennen: Sie berichten von ihren Kindern und was sie gerade machen (aus dem Haus, in einer Ausbildung/Studium). Ihre Kunden erzählen auch ganz gerne von ihrem Beruf (welcher Arbeitgeber, welche Art der Tätigkeit). Auch wichtig sind die verschiedenen Kontaktwege. Festnetz, Mobil, E-Mail, Telefonnummer unter der sie bei ihrem Arbeitgeber erreichbar sind. Nach Möglichkeit sollte auch immer das Geburtsdatum des Auftraggebers in Erfahrung gebracht werden („Wir schicken unseren Kunden gerne mal eine Geburtstagskarte“ – Natürlich sollte das dann auch erfolgen.) All diese Angaben können natürlich auch später über den Vollstreckungsweg oder ein Auskunft aus dem Einwohnermeldeamt eingeholt werden. Jedoch ist das alles kostspielig und zeitraubend. Zeit, in denen sich andere Gläubiger vor Ihren Auftrag schieben und am Ende bleibt für Sie vielleicht gar nichts mehr übrig.

Nach der Informationssammlung nehme ich Kontakt zum Schuldner auf. Vorzugsweise per Telefon. Ich versuche dann ein Gespräch zu führen und erstmal zu erfragen warum denn die Rechnung nicht beglichen ist. Gibt es ein generelles Problem, dass Ihr Kunde nicht zufrieden war, vielleicht noch Arbeiten ausstehen oder ist er vielleicht gerade frisch arbeitslos geworden und kann sich den Betrag einfach nicht leisten und hatte nicht den Mut um selbst Kontakt mit Ihnen aufzunehmen. Das Ziel wäre hier ein Ratenzahlungsvergleich. Dieser sollte selbstverständlich verschriftlicht und von beiden Seiten unterzeichnet werden.

Gerichtliches Mahnverfahren

Gelingt dies nicht und Ihr Kunde zahlt trotzdem keine Raten, dann bleibt immer noch das gerichtliche Mahnverfahren.
Natürlich ist es gar nicht so schwer einen Antrag auf Erlass eines Mahnbescheids zu erstellen. ABER haben Sie auch die richtige Rechtsform gewählt, ist der aktuelle Geschäftsführer angegeben (ein Handelsregisterauszug gibt Aufschluss) UND macht ein Mahnbescheid denn überhaupt Sinn, oder wäre eine Zahlungsklage nicht vielleicht doch der bessere Weg?
Der Weg über den Mahnbescheid ist freilich der monetär günstigste Weg, jedoch ist der folgende Titel im Falle eines Insolvenzverfahrens kaum noch etwas wert. Sollten Sie jedoch eine „vorsätzlich begangene unerlaubte Handlung“ belegen können, dann können Sie auch nach dem Insolvenzverfahren noch munter vollstrecken. Warten Sie einfach eine Weile, bis Ihr Schuldner wieder auf die Beine gekommen ist. Der Titel ist immerhin 30 Jahre lang gültig.

Der Weg der Forderungsbeitreibung ist sicherlich kein einfacher und es gibt auch nicht DEN Weg, um Ihre Forderung zu realisieren. Kreativität und Durchhaltevermögen sind gefragt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus meiner Praxis.

Unsere Mandantin war eine Haustechnik GmbH, deren Schuldnerin Frau Z, hat die offene Rechnung nicht beglichen. Ich habe die Schuldnerin kontaktiert und sie hat Raten zugesagt, diese sind ausgeblieben, also wurde das gerichtliche Mahnverfahren durchgeführt. Im Wege der Zwangsvollstreckung hat sie dann die Vermögensauskunft abgegeben. Aus dieser habe ich wertvolle Erkenntnisse gewinnen können. Sie war nicht verheiratet, hatte aber ein Kind welches schon alt genug war um keinen Unterhalt mehr beanspruchen zu können UND es gab einen Arbeitgeber – die Freude war riesig, das Ziel in greifbarer Nähe. Nun hieß es schnell sein, nicht dass sich noch jemand mit seiner Forderung vor mich drängelt.

Die Drittschuldnerauskunft

Als ich die Drittschuldnerauskunft des Arbeitgebers auf dem Tisch hatte, standen wir auf dem 2. Platz der Gläubiger, das Finanzamt war schneller (sie können ohne großes Verfahren, ihre eigenen Vollstreckungsbescheide erlassen).

Abwarten bis der hohe Betrag mal abgearbeitet ist, hätte mindestens 2 Jahre gedauert und ob sie bis dahin die Stelle überhaupt noch hat? In der Drittschuldnerauskunft hieß es, dass Frau Z ein unterhaltspflichtiges Kind hat. – Oh Moment mal – haben Sie es auch bemerkt? In der von ihr abgegebenen Vermögensauskunft war kein unterhaltspflichtiges Kind angegeben! Es war dann nur noch ein Schreiben und eine Kopie der Vermögensauskunft notwendig um mich mit meiner Forderung vor das Finanzamt zu drängeln. Binnen eines halben Jahres war die Forderung der Haustechnik GmbH vollständig ausgeglichen.

Ich würde Ihnen nun gerne Hoffnung machen, dass es immer so simpel ist. Doch wir wissen auch alle sehr gut, dass dies ein absoluter Glückstreffer ist. Die Meisten Schuldner gehen irgendwann in die Insolvenz und wir sitzen auf unseren Kosten und haben am Ende Minus, statt Plus gemacht